24.4. – 3.7.2022

Hans Jürgen Wormeck

Silberzeit   Säurezeit   Tonzeit

Ausstellungseröffnung: 24.4.2022
Begrüßung: Lutz J. Koch
Einführung: Berthold Schossig, Kunstkritiker

Neuer Worpsweder Kunstverein
nwwk c/o Village Worpswede, Bergstraße 22, 27726 Worpswede

Die Öffnungszeiten sind derzeit
Do – So 8 – 19 Uhr

 

Zur Ausstellung

Ich habe Immer gedacht, ich bin der Herr der Leinwände, der Herr meiner Bilder. Auch aus der versilberten Fallschirmseide habe ich Bilder gemacht, obwohl mich der Ausdruck Bild „dabei von Anfang an verunsicherte, eher Objekt,Tafel …?

Das eigentliche Staunen aber setzte ein, als ich schon nach kurzer Zeit bemerkte, ich bin nicht Herr dieser Bilder, Objekte, Tafeln, was immer. Sie fliehen. Sie fliehen vor sich selbst, und somit auch vor mir. Ich zwänge sie in die schwersten Rahmen aus Eisen: aber das ändert nur ihr Gewicht. Ich sperre sie hinter Glas, aber das verhindert nur, das Material direkt anzufassen.

Der Stoff, aus dem die Bilder sind, nein, das Material, aus dem der Stoff ist, nein, die Natur, die dieses Material hervorbringt – es lässt sich nicht bannen.

Sie (die Bilder) ließen mit sich machen, was ich wollte. Damals wusste ich schon, sie tun nur so. Was ich auch mache, sie machen dann das ihre. Auch meine Jacke aus diesem Stoff macht, was sie will. Nicht nur, dass sie mir bald zu eng ist. Sitze ich in dieser Jacke auf einem weißen Sofa, erinnert sich danach niemand an mich, aber an die Jacke, die das Sofa an meinem Platz mit sich eingefärbt hat. Oxidation, lächle ich und fühle mich ganz gut. Wenn schon ich keine Spur hinterlasse, dann immerhin meine Jacke.

Dann die Idee mit der Schattenfuge. Ich denke an Bachs Kunst der Fuge. Lasse Edelstahlrahmen mit Schattenfuge für meine Silberlinge fertigen. Anders als in Bachs Kunst der Fuge kann ich in den Veränderungen meiner Silberbilder keine Struktur erkennen, kein Konzept, keinThema und kein Seitenthema. Aber das ist nur meine Beschränktheit. Ganz sicher unterliegen alle Veränderungen, auch die auf den Silberbildern, irgendwelchen Gesetzen. Als Chemiker, als Alchemist könnte ich dahinter kommen. Aber das will ich nicht. Ich will, ja, ich will weiterhin erleben, wie mir diese Bilder davonlaufen, sich meinem Diktat entziehen.

Es besteht kein Zweifel, dass die Menschheit beschützter wäre, hinge in jedem Raum eines meiner Bilder aus versilberter Fallschirmseide – anstatt des Kruzifixes oder eines Fotos des Staatsoberhauptes, des Papstes oder der Ahnen.

Die Diskussion über den freien Willen – auch über den unfreien – hört sich in Anbetracht der Silberbilder auf.

Ich nähere mich ein paar Silberbildern, mit dem Pinsel: aquarellierter Hauch, ein Zeichen, ein Wort, … Auch habe ich Silber auf Silber geklebt, manchmal auch Gold Am liebsten Tropfen, Flüsse, Güsse mit Säuren, mit Wasser löschen, bevor das Gewebe ganz und gar vernichtet wird.

 

Das größte Geheimnis ist die Natur
Sie überlistet uns in unserer Vorstellung von Anfang und Ende.
Sie überlistet alles.

Ein Stück der versilberten Fallschirmseide flattert auf meiner Wäscheleine Im Wind. Es hat in meinem Haus gefaltet herumgelegen. Jemand hat sich draufgesetzt, stand wieder auf. Ein Putzmittel ist ausgeronnen, floss über den Stoff. Der Stoff ist nass geworden.

Es ist die Baumrinde, die riecht, nicht dieser übergroße schillernde Flügel auf der Wäscheleine. Ein Flügel eines nordindischen Hühnervogels, ein Flügel eines überdimensionierten Schmetterlings, ein Flügel meiner in Lichtbrechungen baumelnden Phantasie. Ich blinzle, die graue Baumrinde und das Stück Stoff nähern sich in meiner Vorstellung an, beruhigen mich in ihrer Allianz, in ihrem Grau in Grau und doch nicht grau.

Nur wenig später – der Wind hat sich gelegt – hängt auf meiner Wäscheleine noch immer das Stück Stoff, trocken und glatt, aber gezeichnet, die ehemalige Faltung schimmert in bläulich dunklen Strichen, die Flüssigkeiten haben ihre Spuren gezogen: Sprenksel, Spritzer, Flecken, wie Gekröse sieht es aus.

Ich trage dieses Kunstwerk der Natur in mein Atelier, zerschneide es und kaschiere es mit Etikettenkleber auf mittelgroße Aluminiumtafeln. Es iist keine Baumrinde. Es ist ein Stück versilberte Fallschirmseide.

Silver-silk ist ein versilbertes Fallschirmseiden-/ Nylongewebe zur Abschirmung hochfrequenter elektromagnetischer Strahlung (HF) und niederfrequenter elektrischer Wechselfelder (NF). Typ-Ihn Anwendung in vorzugsweise technischen Anwendungen zur Abschirmung von Kabeln, Handytaschen, als Wandbeschichtung in Laboratorien mit extrem sensiblen Messgeräten, usw.

In der Zeitung lese ich: „Sein roter Faden ist silber […] ,Und viel mehr als um die edel anmutende Optik des versilberten Garns geht es […] um dessen technische Eigenschaften. Es ist thermisch und elektrisch leitfähig, antibakteriell sowie antistatisch und schirmt ab“ […]

Die Faszination, der Zauber liegt im Überraschenden, das Überraschende brodelt im Unberechenbaren. Dieses Phänomen, beglückend und beunruhigend zugleich, erleben wir mit einem Gewebe aus Silberfäden. Was ist das für ein Faden? Gesponnen um uns zu beglücken, um uns zu beunruhigen?

Vor allem soll er beruhigen, der Faden. Zu Stoffen

verarbeitet, sogenannte ummantelnde Stoffe, werden sie für Antistatik eingesetzt, also überall dort, wo es Elektronik gibt und die statische Aufladung abgeleitet werden soll. Der Mensch muss sich abschirmen von dem, was er hervorbringt. Das Leben wird ständig bequemer und gleichzeitig vernichtet. Daran haben wir uns längst gewöhnt.

Ich schneide von einer Silberstoff-Rolle ein Stück von zirka fünf Metern ab und gehe damit zum Schneider. Eine Jacke will ich daraus genäht haben, denn ich bin aufgeladen bis knapp vor der Explosion.

Ich besuche eine Frau, die eines meiner Silberbilder besitzt „Wo sind die Landkarten ähnlichen Strukturen?“, frage ich. „Oh, die habe ich beim Entstauben weggewischt!” Einige Jahre später entdecke ich auf derselben Bildfläche Kristallschlieren undFigurationen besonderer Schönheit. Zurückgekehrt? Neu erstanden? Aus der molekularen Unterwelt neu geboren?

Vita

Der Malerei widmet sich der 1941 in Westpreußen (heute Polen) geborene Wormeck schon als Schüler. Eine Folge dieser Leidenschaft war das Kunststudium in Mainz und Berlin (bei Professor Mac Zimmermann). Nach einer Assistenzstelle in Dortmund entschied er sich, eine Heimat dort zu suchen, wo er sich mit seiner Sehnsucht nach Natur ausleben kann.

Am Anfang seiner künstlerischen Arbeit stand die Radierung im Vordergrund. Bis heute ist ihm diese besonders sensible Kunstform eine seiner hauptsächlichen Sprachen. Hans Jürgen Wormeck lässt sich von der Landschaft mit ihren Geheimnissen inspirieren. Dabei variiert er das Thema zwischen subtiler Gegenständlichkeit bis hin zu Verfremdungen zum Beispiel durch Bildung von Abstraktionen zu unterschiedlichen Verformungen.

Wormeck ist ein Querdenker, Poet, Forscher und Spieler. Künstler wie Sigmar Polke, Gerhard Richter, Anselm Kiefer, inspirieren ihn.

https://www.wormeck.net/

 

 

Vernissage

 

Presseecho und Einführungsrede